Orientexpress 2.0

Wo trifft man die amüsantesten Gestalten auf engstem Raum? Im Speisewagen.

Nicht umsonst spielen viele Geschichten in Zügen. Man denke nur an ‘Mord im Orientexpress‘ und der ersten Fahrt von Harry Potter nach Hogwarts. Der Vorteil des Zuges gegenüber dem Auto ist ja eigentlich, dass man von A nach B kommt und dabei schlafen kann. Zumindest theoretisch. Tatsächlich hängt man Gedanken nach. Den eigenen oder denen der Mitreisenden. Denn die bekommt man unweigerlich mit. Oder man ist kreativ. Zumindest funktioniert das laut Moffat und Gatiss (das Ergebnis gibt ihnen Recht), auch wenn das Frühstück enttäuschend ist („How did you know it was disapointing?“ „Is there any other type of breakfast on a train?“).

Noch eine Eigenschaft von Zügen: Unterschiedlichste Menschen kommen aus unterschiedlichsten Umgebungen, Situationen, Städten, Umständen auf engstem Raum zusammen und haben ein gemeinsames Erlebnis. Ein äußerst interessanter Versuchsaufbau, der entsprechend interessante Ergebnisse liefert. Die allerdings aufgrund der Vielzahl an Parametern nicht auszuwerten sind. Bleibt nur die Beschreibung. Und schon fühlt man sich wie im Film.

Aus diesem Grund saß ich also am Wochenende im Speisewagen eines Schweizer EC. Die mag ich besonders gerne, denn die sind tatsächlich auf ihre eigene Art gemütlich und es liegen sogar echte weiße, gebügelte Tischdecken auf den Tischen. Das mag spießig klingen, hat aber einen gewissen Flair.

Eigentlich war ich dabei vertieft in die von Martha Grimes detailliert beschriebenen Figuren und Situationen meines aktuellen Jury Falles. Aber nur so lange bis ich das erste Mal vom meinem Cappuccino aufgeguckte und die Personen um mich herum wahrnahm. Und schon war das Filmgefühl da.

Hauptcast:

Der Kellner: Äußerst kommunikativ, sehr höflich (vermutlich hätt er mich nicht mal blöd angeschaut, wenn ich gar nichts bestellt hätte), seines Zeichens Basler (also aus Basel, nicht der Fußballer) und stark verwirrt (was zum Amüsement des ganzen Abteils beigetragen hat)

Die Dame: Sehr gesittete Dame mittleren Alters ohne Magen. (Das man unter diesen Umständen Croissants essen kann ist verwunderlich aber wohl so. Leider waren die aus und die Speisekarte gab für Magenamputierte nichts Weiteres her. So blieb der Kaffee alleine); Interessant wäre gewesen wenn sie die Panetone mit Rosinen gegessen hätte, denn dann wäre sie nach eigenen Aussagen nach ca. 20 Min. umgefallen.

Der Deutsche: frankophil, spricht mit sich selbst, gern aber auch mit anderen, insbesondere dem Kellner, auf Französisch um die Sprache zu üben. Sprachkenntnisse leider beschränkt, sodass Kellner Schwierigkeiten hat obwohl er fließend Französisch spricht. Fordert den Kellner mit der Aussage (auf Deutsch) heraus „keine Angst, ich gehe nicht ohne zu zahlen.“ Kellner fühlt sich angegriffen, da er interpretiert er würde als Angsthase dargestellt werden. Zusammenfassung des ca. 3 minütigen Monologs: “Ich hatte noch nie Angst, in meinem ganzen Leben hatte ich noch keine Angst.”

Nebenrollen:

Zwei junge Frauen jeweils mit Buch (eine davon ich), die durch die sie umgebenden Szenen von ihren Büchern abgelenkt werden, sich gegenseitig verwunderte Blicke zuwerfen und nicht aufhören können zu grinsen. Leider steigt die andere Dame schon früh aus, sodass ich mit dem Grinsen alleine war bis der nächste Gast einstieg:

Herr mittleren Alters der einen trockenen Weißwein bestellte. Rückfrage des Kellners: „rot oder weiß?“

Viele weitere große und kleine Nebenrollen, die den ganzen Film lebendig machen. (Für eine Martha Grimes Geschichte allerdings zu wenige Kinder besonderer Art und Hunde oder Katzen).

Auch ein mysteriösrer Todesfall hat zur Komplettierung gefehlt (die Rosinen kamen ja nicht zum Einsatz) oder zumindest lag dieser bis zu meinem Ausstieg nach 2,5h nicht vor. Da der Zug aber noch mehrere Stunden bis in Schweiz weiterfuhr, ist auch nicht ausgeschlossen das sich doch noch einer, oder ein anderer Zwischenfall, ereignete.

Leider war dies die einzige Vorstellung dieses Films, eine Wiederholung ist nicht vorgesehen. Den geneigten Lesern sei empfohlen weitere Folgen dieser losen Serienreihe selbst zu erleben.

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One thought on “Orientexpress 2.0

  1. Ich war erst gestern wieder im ICE nach Bonn, ohne an den Kompromishaltestellen Limburg und Montabauer anzuhalten. Es ist echt verwunderlich, dass der Bremsweg von Limburg nach Montabauer überhaupt reicht um anzuhalten. Naja wir haben es auf jedenfall nicht weiter als ein Meter hin die Eingangstür geschafft. Ich frage mich immer wieder ob es Sicherheitsbestimmungen im ICE während der Pendlerzeiten nicht gelten. Keiner Tipp von meinem Kollegen. Das Bier im Bistrobereich schmeckt nur in Kombination mit den Nüssen, ob das wohl Masche ist…

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